Nähe und Distanz sind für die meisten Paare in einer Fernbeziehung ein großes Thema. Und was es oft noch komplizierter macht, ist ein Gedanke, den wohl jeder kennt: „Das muss der andere doch genauso sehen und empfinden wie ich."

Ich kenne das von Steffen und mir sehr gut.

Ein ganzer Tag nur für uns

Wenn wir uns nach einigen Wochen endlich wiedersehen, hätte ich am liebsten, dass Steffen sich erst einmal einen Tag Urlaub nimmt. Einen ganzen Tag nur wir zwei. Erzählen, wie es uns geht. Händchen halten, kuscheln, das Handy weglegen. Eigentlich alles um uns herum vergessen und nur Augen für den anderen haben.

Ich brauche dann einfach erst einmal Nähe. Die hatte ich ja wochenlang nicht. Und lange habe ich dabei gedacht: „Das muss ihm doch auch so gehen."

Steffen freut sich natürlich genauso, dass wir uns wiedersehen. Und auch er hat meine Nähe vermisst. Er zeigt es nur anders und braucht dafür keinen extra Tag Urlaub.

Und beim Abschied genauso

Auch mit der Distanz gehen wir unterschiedlich um. Am Anfang unserer Fernbeziehung ist mir die Trennung jedes Mal sehr schwergefallen. Ich hatte keine Lust, mich mit Freundinnen zu verabreden oder mich irgendwie abzulenken. Ich wollte erst einmal „leiden". Steffen dagegen hat sich direkt mit seinen Freunden verabredet und war abends unterwegs.

Mit der Zeit habe ich gelernt:

Wir gehen einfach unterschiedlich mit Nähe und Distanz um. Das hat nichts damit zu tun, dass einer den anderen weniger liebt.

Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse. Und beides ist in Ordnung.

Was sich bei mir verändert hat

Heute gehe ich anders damit um. Ich leide nicht mehr, wenn wir uns verabschieden. Ich weiß, dass unsere Partnerschaft Bestand hat, auch ohne dass wir uns ständig sehen. Schon vor dem Abschied verabrede ich mich mit meiner Freundin. So habe ich etwas, worauf ich mich freuen kann, wenn die Zeit ohne Steffen beginnt.

Auch beim Wiedersehen bin ich geduldiger geworden. Ich erwarte nicht mehr, dass er sich dann sofort einen Tag Urlaub nimmt. Ich freue mich auf das gemeinsame Wochenende, an dem wir Zeit füreinander haben. Und bis dahin genieße ich einfach, dass wir wieder zusammen sind und uns räumlich nah sind.

Nicht das Bedürfnis ist das Problem

Wie viel Nähe und wie viel Freiraum wir brauchen, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Das gilt für Paare, die zusammenleben, genauso wie für Fernbeziehungen. Schwierig wird es erst, wenn wir das Verhalten des anderen deuten.

Ein Beispiel: Einer von beiden möchte jeden Abend telefonieren. Das tägliche Gespräch bedeutet Verbundenheit und Interesse. Der andere spricht lieber zwei- oder dreimal pro Woche ausführlich und gestaltet dazwischen gern seinen Alltag für sich.

Der eine denkt vielleicht: „Warum möchtest du nicht öfter mit mir sprechen? Bin ich dir nicht wichtig genug?" Der andere denkt: „Warum reicht es dir nicht, wenn wir uns ein paarmal pro Woche hören? Vertraust du mir nicht?"

Beide fühlen sich unverstanden. Und keiner macht etwas falsch.

Das eigentliche Problem ist häufig nicht das unterschiedliche Bedürfnis. Es ist die Bedeutung, die wir dem Verhalten des anderen geben.

Woher die Unterschiede kommen

Dafür gibt es verschiedene Gründe, und meistens spielen mehrere zusammen.

Ich finde es hilfreich, drei Dinge auseinanderzuhalten:

  1. Mein Nähebedürfnis: Wie viel emotionale Verbindung wünsche ich mir?
  2. Mein Bedürfnis nach Freiraum: Wie viel Zeit für mich brauche ich?
  3. Meine Sicherheit in der Beziehung: Wie gut kann ich mit Distanz umgehen, ohne an uns zu zweifeln?

Was beim Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen hilft

Keiner von euch muss sein Bedürfnis aufgeben. Wichtig ist, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und gemeinsam einen Weg zu finden.

Aus meiner Erfahrung helfen ein paar Dinge wirklich.

Die eigenen Bedürfnisse kennen. Bevor du deinem Partner erklären kannst, was du brauchst, musst du es selbst verstehen. Wie viel Kontakt brauche ich, um mich verbunden zu fühlen? Was löst es in mir aus, wenn der andere Zeit für sich braucht? Oft steckt hinter dem Wunsch nach mehr Kontakt eigentlich etwas anderes, zum Beispiel der Wunsch nach Sicherheit oder Bestätigung.

Bedürfnisse aussprechen statt Vorwürfe machen. Statt „Du meldest dich viel zu selten!" kannst du sagen: „Mir ist der Kontakt zwischen unseren Treffen wichtig, weil ich mich dadurch mit dir verbunden fühle. Können wir überlegen, wie wir das gestalten?" Und statt „Du klammerst!" hilft eher: „Ich verbringe gern Zeit mit dir. Und manchmal brauche ich Zeit für mich, um neue Energie zu tanken. Das hat nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun." So sprecht ihr über Bedürfnisse und nicht über Fehler.

Verlässliche Absprachen treffen. Ein festes Telefonat an bestimmten Tagen. Eine kurze Nachricht am Morgen. Bewusst Zeiten, in denen jeder seinen eigenen Dingen nachgeht. Wichtig ist, dass beide die Absprachen freiwillig mittragen und sie gut umsetzen können. Verlässlichkeit ist oft wichtiger als Häufigkeit.

Mit den eigenen Gefühlen umgehen lernen. Nicht jedes Bedürfnis nach Nähe muss sofort vom Partner erfüllt werden. Wer schnell unsicher wird, wenn eine Nachricht ausbleibt, kann sich fragen: Gibt es wirklich einen Hinweis, dass zwischen uns etwas nicht stimmt? Oder reagiere ich auf meine Befürchtungen? Und wer mehr Freiraum braucht, darf lernen, dass Nähe nicht automatisch weniger Freiheit bedeutet.

Veränderungen zulassen. Wie viel Nähe und Distanz wir brauchen, ist nicht für immer festgelegt. Es verändert sich mit unseren Erfahrungen, unserer Lebenssituation und mit der Sicherheit, die wir in der Beziehung spüren. Sprecht darüber und nehmt nicht jede Veränderung gleich als Zeichen nachlassender Liebe.

Wenn einer Nähe sucht und der andere sich zurückzieht

Besonders schwierig wird es, wenn sich ein Kreislauf entwickelt: Je mehr Nähe der eine sucht, desto mehr zieht sich der andere zurück. Und je mehr Abstand entsteht, desto größer wird der Wunsch nach Nähe.

Dann hilft es, nicht über die Zahl der Anrufe zu sprechen, sondern über die Gefühle dahinter. Der eine könnte sagen: „Wenn du dich zurückziehst, werde ich unsicher und habe Angst, dir nicht mehr wichtig zu sein." Der andere: „Wenn ich das Gefühl habe, ständig verfügbar sein zu müssen, setzt mich das unter Druck. Ich brauche Rückzug, um wieder ausgeglichen zu sein."

Nicht immer ist der Wunsch nach mehr Nähe das eigentliche Problem. Manchmal ist es die Angst, die Verbindung zu verlieren. Und nicht immer ist der Wunsch nach Distanz ein Zeichen von Unabhängigkeit. Manchmal ist er auch eine Reaktion auf Druck.

Wichtig ist dabei: Es darf nicht dauerhaft nur einer nachgeben. Wer seine Bedürfnisse immer wieder zurückstellt, fühlt sich irgendwann übersehen. Eine gute Balance entsteht nur, wenn beide Verantwortung für ihr eigenes Verhalten übernehmen und bereit sind, dem anderen ein Stück entgegenzukommen.

Zum Schluss

Nähe und Distanz müssen keine Gegensätze sein.

Nähe gibt uns Geborgenheit und das Gefühl, zusammenzugehören. Distanz gibt uns Raum für uns selbst und dafür, uns weiterzuentwickeln. Eine gute Beziehung braucht beides.

Es geht nicht darum, gleich viel Nähe zu brauchen. Wenn wir lernen, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und die eigenen ernst zu nehmen, kann eine Beziehung entstehen, in der sich beide verbunden und gleichzeitig frei fühlen.